Ist Bio wirklich besser – oder nur teurer?
Für Bio-Food gibt es derzeit viele gute Gründe. Doch wie wirksam sind nachhaltige Lebensmittel wirklich? Und wie soll man sich im Label-Dschungel zurechtfinden?
Krieg, Pandemie, Inflationsängste. Wenn die Turbulenzen der letzten Zeit etwas Gutes haben, dann gehört dazu mit Sicherheit die Rückbesinnung auf persönliche Werte. Was ist wichtig, was nicht? Was tut mir gut, was nicht? Solche Gedanken sind vielen von uns durch den Kopf gegangen. Eine neue Wertschätzung für das Regionale ist eine Folge dieser Abwägungen. «Think global, act local» – das gilt in diesen Zeiten für viele mehr denn je.
Auch die Frage nach einer zeitgemässen Ernährung hat in diesem Zusammenhang eine neue Dimension weit über das Gesundheitliche hinaus erhalten. Denn was wäre, wenn die globalen Lieferketten über längere Zeit nicht mehr funktionieren würden? Was bietet meine Region? Worauf könnte ich, worauf müsste ich verzichten? Ist ein bewussterer Lebensstil die Voraussetzung dafür, dass sich die Geschehnisse der letzten Zeit nicht ständig wiederholen?
Bio – ein teurer Boom
Tatsächlich haben nachhaltige Nahrungsmittel in den letzten Monaten einen neuen Boom erlebt. Das Angebot an Fleischersatz-Produkten in den Grossverteiler etwa wird immer grösser, und generell hat die Pandemie zu einem stärkeren Run auf Bio-Produkte geführt, wie Lukas Krebs von Fairtrade Max Havelaar bestätigt: «Wir nehmen allgemein ein gestiegenes Konsumbewusstsein wahr», so der Mediensprecher von Max Havelaar auf Anfrage. Es werde darum nicht nur regionaler, sondern auch fairer konsumiert: «Der Pro-Kopf-Konsum von Fairtrade-Produkten ist in der Schweiz 2021 weiter gestiegen».
Das alles klingt schön und gut. Wir kaufen fair und regional ein, leben gesund und retten nebenbei die Welt. An der Kasse jedoch folgt oft der Reality-Check, denn Bio-Food hat seinen Preis. Für einen Warenkorb voller Bio-Produkte bezahlt man hierzulande fast 50 Prozent mehr; das hat der «Kassensturz» des Schweizer Fernsehen unlängst ausgerechnet. Bei Eiern etwa sind es knapp 33 Prozent. Bio-Milch ist 43 Prozent teurer, Bio-Gurken 77 Prozent. Ein Bio-Poulet kostet gar mehr als doppelt so viel wie eines aus konventioneller Mast. Das spürt man im Portemonnaie. Zumal sich das Vorurteil, dass Bio vor allem Abzocke und der effektive Impact überschaubar bis nicht messbar sei, hartnäckig hält.
«Werden Discount-Produkte mit Fairtrade-zertifizierten Produkten verglichen, ist das irreführend»
Vorsicht vor Vergleichen
Bei Fairtrade Max Havelaar kennt man diesen Vorwurf in und auswendig. Umso wichtiger sei es, fair zu bleiben – auch beim Vergleichen, sagt Lukas Krebs: «Vergleicht man Endverkaufspreise, ist es wichtig zu wissen, dass gewisse Discount-Produkte bewusst verbilligt und effektiv durch die Margen anderer Produkte quersubventioniert werden», so der Mediensprecher. Würden nun solche Discount-Produkte mit Fairtrade-zertifizierten Produkten verglichen, sei das irreführend.
Vergleicht man hingegen Produkte aus dem gleichen Qualitäts- und Preissegment, zeigt sich ein differenziertes Bild. Krebs: «Fairtrade-Bananen etwa sind dann in einem ähnlichen Preissegment wie Markenbananen. Fairtrade-Schokolade ist teilweise sogar günstiger als gewisse Markenschokoladen und so weiter».
Unbestritten ist dennoch, dass viele Bio-Produkte deutlich teurer als ihre nicht zertifizierten Pendants sind. Das hat auch seinen berechtigten Grund, wie Markus Abt vom Schweizer Milchproduzenten Emmi bestätigt. Denn die Nachfrage nach Bio- und anderen zertifizierten nachhaltigen Lebensmitteln steigt kontinuierlich. Dennoch haben diese Produkte «abgesehen von wenigen Ausnahmen im Vergleich zu konventionell hergestellten Lebensmitteln nur einen geringen Anteil am Gesamtvolumen», so der Mediensprecher. «Geringere Volumen erhöhen jedoch Kosten und Aufwand auf allen Verarbeitungsstufen, inklusive Entwicklung, Verarbeitung, Verpackung und Marketing.» Zudem seien zertifizierte Rohstoffe aufgrund der geringeren Erträge oftmals deutlich teurer.
Kontrolle kostet
Freilich haben die höheren Preise für Bio noch weitere Ursachen. Eine grössere Sorgfalt bei Produktion und Handling, bessere Löhne für Arbeiterinnen und Arbeiter vor Ort und nicht zuletzt Kontrollmassnahmen zur Sicherung der Qualitätsstandards schlagen ebenfalls auf den Preis im Laden. Denn genau solche Kontrollen garantieren letztlich, dass die Wirksamkeit von Bio-Produkten nachvollziehbar bleibt – und den Vorwurf der Abzocke aus der Welt geschaffen werden kann.
Bei Max Havelaar etwa wird Einhaltung der Standards regelmässig durch die Firma Flocert kontrolliert. Fairtrade sei neben Bio zudem das Nachhaltigkeitslabel, «dessen Wirkung am umfassendsten durch wissenschaftliche Studien erforscht wurde», sagt Lukas Krebs. Darüber hinaus kommen laufend neue Studien hinzu, welche den Impact untersuchen und neu beurteilen.
Freilich gibt es im Laden nicht nur Produkte von Max Havelaar. Im Gegenteil: Nicht selten fühlt man sich als Konsumentin oder Konsument wie im Bio-Dschungel, weil man aufgrund der vielen Labels, Zertifikationen und Versprechungen gar nicht mehr durchblickt (siehe Box – oder hier Element «Die wichtigsten Schweizer Bio-Labels einsetzen).
Einige Slogans auf den Verpackungen sind denn auch nicht mehr als PR. Doch hinter den meisten Bio-Labels steckt durchaus eine nachvollziehbare und überprüfbare Strategie. So kann man sich bei Produkten mit Demeter-Logo beispielsweise sicher sein, dass ein hoher ökologischer Standard bei Erzeugung und Verarbeitung der Produkte gilt. Denn Dermeter ist für seine besonders strengen Richtlinien bekannt.
Doch wie unterscheidet man Migros-Bio von Bio Suisse, wie diese vom Bio-Label auf Produkten in Alnatura- oder Aldi-Filialen? Eine nützliche Hilfe bietet der WWF. Er hat die 31 wichtigsten Labels auf dem Schweizer Lebensmittelmarkt bezüglich Nachhaltigkeit beurteilt und eine Übersicht auf seiner Website publiziert.
«Die Nachfrage nach Bio- und anderen zertifizierten nachhaltigen Lebensmitteln steigt kontinuierlich»
Profit vs. Nachhaltigkeit
Letztlich schneiden jene Anbieter gut ab, die den Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit und Idealismus meistern. Das gilt für den ganzen Sektor, für Unternehmen wie Labels. Emmi etwa richtet seine Angebotspolitik mit Blick auf eine langfristige Wertschöpfung aus, basierend auf wirtschaftlichen Kriterien. «Dies im Bewusstsein, dass wir gegenüber unseren Mitarbeitenden, der Umwelt und Gesellschaft sowie insbesondere unseren Milchlieferanten in ländlichen Regionen eine Verantwortung tragen», sagt Markus Abt.
Lukas Krebs von Max Havelaar wiederum betont, dass das Fairtrade-Label keine Unternehmen auszeichnet, sondern Produkte: «Steht das Fairtrade-Label auf einem Markenprodukt eines Grossunternehmens, dann sind die Rohstoffe dieses Produktes fair gehandelt, und zwar nach den genau gleichen Standards wie alle Produkte mit dem Fairtrade-Label».
Sich mit den verschiedenen Labels auseinanderzusetzen, lohnt sich also. Damit das gute Gefühl beim Einkauf anhält – selbst wenn es ein wenig mehr kostet.
Die wichtigsten Schweizer Bio-Labels
-** Coop Naturaplan**: Gütesiegel von Coop für Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft
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Migros Bio: Gütesiegel der Migros für Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft
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Knospe Bio Suisse: Gütesiegel der Bio-Suisse für Lebensmittel aus biologischer Schweizer Landwirtschaft
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Fairtrade Max Havelaar: Gütesiegel der Max Havelaar Stiftung für fair gehandelte Produkte
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IP-Suisse: Gütesiegel der IP-Suisse für Lebensmittel aus integrierter Produktion
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Demeter: Gütesiegel des Demeter-Bundes für Produkte aus biologisch-dynamischer Landwirtschaft
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ASC: Gütesiegel des Aquaculture Stewardship Council für Fisch aus nachhaltiger Fischzucht
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Aus der Region. Für die Region.: Gütesiegel der Migros für regional produzierte Nahrungsmittel
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Coop Naturafarm: Gütesiegel der Firma Coop für Schweizer Fleisch und Eier aus tierfreundlicher Auslaufhaltung
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Naturland: Gütesiegel des Vereins Naturland für Produkte aus biologischer Landwirtschaft
Über den Author
Lukas Rüttimann ist Journalist, Copywriter und Storyteller. Er hat für zahlreiche Schweizer Zeitungen und Zeitschriften gearbeitet, in unterschiedlichen Funktionen vom Reporter bis zum Chefredaktor. Als Freelancer deckt er ein breites Spektrum ab, wobei ihm nachhaltige, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Themen besonders am Herzen liegen. Lukas Rüttimann hat u.a. in den USA gelebt, wohnt und arbeitet heute aber von Zürich aus.
